Montag, 27. April 2015

Schmerz

Das ziehen in meiner Brust und meiner Kehle nervt mich schon seit Stunden.
Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Mir ist zu heiß, dann zu kalt. Ich will schlafen, bin aber hellwach.
In weniger als einer Woche bin ich bei G. zu hause. Kurz bevor ich ihn besuche muss ich immer an seine Mutter denken, die stille verbündete wenn man so will. Sie ist selber essgestört, inzwischen aber nicht mehr gefährdet wie vor 20 Jahren. Die Kinder wissen das offiziell gar nicht, Gs Mutter weiß nicht, dass ich es weiß. Und sie weiß nicht, dass ich so bin wie sie.
Es ist verrückt, was für Gedanken durch meinen Kopf huschen. Ich will sie beeindrucken, zumindest ein Teil von mir will das. Aber womit? Mit Haut und Knochen. Es ist so irrational.
Manchmal denke ich Ach so krank bist du doch gar nicht. Krank ist sowieso das falsche Wort. Du willst halt nicht dick sein, daran ist doch nichts verkehrt. Und dann denke ich wieder solltest du das wirklich essen? Wenn du das isst, fällt nachher aber das da weg. Was willst du heute abend essen? Isst du da überhaupt was? Und was ist mit morgen?
Mein ganzes verdammtes Leben dreht sich um Essen.
Ich unterschätze diese "Krankheit" und ich unterschätze mich selbst.
Was macht man, wenn man immer und immer wieder vor eine Wand rennt? Ich kann nicht los lassen. Manche werden das verstehen und manche nicht, ich weiß. Ich habe inzwischen auch begriffen, wieso das so ist, oder wieso ich so bin - naja zumindest glaube ich das.

Es war so seit ich denken kann. Ok vielleicht nicht so früh, aber zumindest so ab dem Kindergarten. Ich habe immer zu den großen Kindern gehört, hab mich immer gefühlt wie ein Elefant im Porzellanladen. So ging es dann weiter in die Grundschule, zum Ballett - wo ich nicht die dickste war, weil wirklich d i c k war ich nie, aber die dünnste nunmal auch nicht, weil das war ich auch nie.
Ich weiß noch, dass ich mich nicht getraut habe, wie die anderen Kinder in Unterhose im Garten zu spielen. Da war ich höchstens 10 Jahre alt. Etwa in dem Alter bekam ich auch Brüste, was nicht unbedingt half, dieses "Elefantengefühl" los zu werden.
Irgendwo zwischen der Unterhosengeschichte und dem traurigen Start war ich im Schwimmbad - ich war öfter dort, aber dieses Mal habe ich in Errinnerung. Ich weiß nicht, wie viel ich damals gewogen habe, ich schätze aber so ungefähr 68kg. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich das Gefühl hatte nicht richtig laufen zu können, weil meine Oberschenkel dauerhaft aneinander rieben. Das war übrigens das letzte Mal für eine sehr lange Zeit, dass ich in einem Schwimmbad war.
Als wir in der 9. Klasse auf Klassenfahrt fuhren, da war ich 14, hatte ich ein Notizbuch dabei. Ich schrieb für jeden Tag alle Sachen auf, die ich gegessen hatte. Zuvor hatte ich mir Tabellen gemalt, welche Art von Bewegung in wie viel Zeit welche Menge an Kcal verbrannte. All sowas. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits meinen Blog, und war auf diversen pro ana blogs unterwegs. Ich konnte alles herunterbeten. Die klassenfahrt war ungefähr ein halbes Jahr nach dem ersten Klick auf einen solchen Blog. Meinen Blog von damals hatte ich etwa für 3 oder 4 Jahre, ich hatte zwar nur etwas über 40 Leser, aber er war mein Ventil. Bei meinem letzten Erholungsversuch habe ich den log jedoch gelöscht, um mich nicht selber zu triggern, ehrlich gesagt bereue ich diese Entscheidung - ich meine, jetzt schreibe ich ja auch im Internet. Naja.
Ich wurde von Mitschülerinnen gefragt, was und vor allem wieso ich in mein Notizbuch schrieb. Meine Antwort hat wohl ein paar Tips gegeben, denn als in diesem Schuljahr Filme und Referate über Magersucht und Bulemie dran waren, spürte ich stets Blicke auf mir und verkroch mich nur noch mehr.
Ich begann Fotos zu machen. Ich hatte außerdem angefangen meine Beine mit absicht auseinander zu drücken, quasi mit Absicht O-Beine zu bekommen, einfach, weil sie dadurch dünner aussahen.
Tagsüber war niemand zu hause. Obwohl das nicht so ganz stimmt, mein "Vater" war dort, wenn man das so sagen kann. Essen musste ich mir nämlich trotzdem selber machen. Dementsprechend gab es meistens entweder nichts oder einfach nur Brot.
Wir hatten keine Waage zu hause, deshalb kenn ich bis heute meine genauen Daten nicht. Ich glaube dass es ab einem gewissen Punkt ganz schnell ging. Ich kann mich nicht dran erinnern, dass mir langsam alles zu groß wurde. Ich weiß aber noch, wie mein Freund zu mir nach Hause kam, als ich krank im Bett lag. Als ich aufstand und wir uns umarmten, ließ er mich relativ schnell wieder los. Seine Worte Du bist so dünn geworden.
Es ist alles andere als einfach, das so zu schreiben. Und bis ich ungefähr die Abläufe raushatte, verging eine Menge Zeit.
Wenn ich mir heute Fotos anschaue, von der Zeit, wo ich am dünnsten war, weiß ich heute, wie viel ich in etwa gewogen habe. Seit dem Essenstagebuch wog ich mich jedes Mal bei meiner besten Freundin im Bad. Heute fällt mir auf, wie irrational ich war, allein durch die "Krankheit".
Ich kam zu ihr nach Hause und ging aufs Klo, danach stieg ich auf die Waage. Dann gab es Mittagessen, dann stieg ich nochmal auf die Waage. Die nächsten 1 1/2 Stunden verbrachte ich damit durch die Gegend zu hüpfen - hauptsache Bewegung - und alle 5 Minuten wieder auf die Waage zu steigen. Mein tiefstgewicht auf der Waage waren glaube ich 61 oder 62 Kilo. Das ist nicht wenig. Ich habe nicht viel abgenommen durch meine Krankheit, zumindest nicht, was Gewicht angeht.
Mein geschätztes Tiefstgewicht ist unter 60kg. Zwischen 55 und 59kg, was immer noch nicht wenig ist, nicht ungesund ist. Aber der Weg dorthin war es auf jeden Fall.
Ich rede immer noch nicht gerne über mein Gewicht und ich bin mit sicherheit noch weit Weg von einem Weg ohne diese "Krankheit". Ich bin auch noch nicht bereit dazu. Das ist einfach ein Teil von mir. Ich habe es nie "Krankheit" genannt, sondern immer nur Ana. Nicht liebevoll, zum Schluss eher traurig - andererseits was heißt zum Schluss, ich stecke ja noch mitten drin.
Ich wiege mich inzwischen nur noch einmal am Tag, morgens vor dem Frühstück. Wenn ich es vergesse beiße ich mir in den Arsch, weil ich unbedingt wissen will, wie viel ich wiege.
Diese Woche habe ich mich das letzte Mal glaube ich Montag gewogen. Nicht, weil ich es nicht wissen will - oh gott ich will es unbedingt wissen und kann den morgen kaum abwarten - einfach weil ich nirgendwo eine Waage hatte, der ich vetraue.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich mit diesem Post bezwecken will. Wohin er führt.
Vielleicht will ich einfach ein bisschen erzählen.
Vielleicht will ich aber auch klarstellen, dass ich dieses verfickte Ana-Biest hasse und alles dafür geben würde, damals nicht auf den einen Blog geklickt zu haben. Es macht so unglaublich viel kaputt. Nicht nur den Körper, es hat all meinen Beziehungen geschadet, bzw. schadet meiner jetzigen Beziehung enorm, es schadet meinem Sozialleben - jemand will mit euch Eis essen gehen, aber ihr könnt kein Eis essen, einfach weil ihr Angst habt.
Für mich ist es nicht direkt eine Sucht, der Name Magersucht trifft es finde ich nicht. Ich bin nicht süchtig danach dünn zu sein, nein, ich habe einfach immense Angst davor dick zu sein. Daraus resultiert Angst vor dem Essen. Bei mir zumindest.
Ich sollte versuchen zu schlafen. Morgen früh steige ich zum trillionsten Mal in meinem Leben auf die Waage. Und es fällt mir sehr sehr schwer es einzugestehen: so sehr ich meine "Krankheit" auch hasse, so ist sie doch ein Teil von mir. Und es gibt Tage, da gefällt es mir ganz und gar nicht, dass die Dinge nicht mehr so sind wie vor 2 1/2 Jahren.
Und dann erschreckt es mich wieder, wenn ich zurück denke und merke, dass ich mich bereits 5 Jahre damit rumschlage.

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